Ein bisschen Computer

Vorwort

Von Zeit zu Zeit möchten wir Euch auf Freakjobs.de ungewöhnliche Lebensgeschichten und außergewöhnliche Arbeits-Lebensläufe vorstellen. Beim Surfen im Web habe ich eine solche Geschichte entdeckt die mich sofort fasziniert und gefesselt hat.

Rainer Meyer, auch als Geschichtenerzähler unter dem Pseudonym "Der Maia" bekannt, hat einen sehr interessanten Arbeits-und IT Lebenslauf den er auf Freakjobs.de in dieser überarbeiteten Form das erste mal exclusiv zur Verfügung stellt.

Da ich persönlich auch sehr viel mit IT zu tun habe konnte ich mich oft in seiner Geschichte wiederfinden und ich denke das seine Geschichte stellvertretend auch für viele andere anonyme Lebensläufe steht. Doch genug der (Vor-)Worte, vielen Dank Rainer und viel Vergnügen beim lesen.

Frank M. (Freakjobs.de)

 

"Ein bißchen Computer" von Rainer Meyer

Computernutzung in der Freizeit

Eigentlich begann die Geschichte Meia und Computer lange bevor ich 1993 meinen ersten Computer kaufte. Es war wohl 1982 oder 1983, als ich erstmalig den Bassisten meiner damaligen Punkband “Bonn-Duell“ zu Hause besuchte und er einen der ersten PCs in seinem Zimmer stehen hatte (ich glaube es war ein Commodore). Dieses neuartige Gerät faszinierte mich. Zwar besaß der Rechner kein Floppy-Laufwerk, aber zum aufspielen und speichern von Software konnte ein herkömmlicher Kassettenrecorder benutzt werden. Diese Datentapes konnte man sogar hören, obwohl es nur wirres Gepiepe wie von einem Haufen geistesgestörter Vögel war und ich mich ein wenig an künstlerische New Wave-Musik erinnert fühlte. Der Computer und seine Möglichkeiten begeisterten mich, und mit dem festen Vorsatz eigene Programme schreiben zu wollen lieh ich mir von ihm ein Handbuch zum Erlernen der Computersprache Basic aus. In der Folgezeit schrieb ich zu Hause kleine Programme in Basic, fuhr vor einer Bandprobe zu ihm und konnte meine Befehlsketten endlich an einem Computer testen. Leider schlief dieses Unterfangen nach einiger Zeit wieder ein, weil ich irgendwann keine Lust mehr hatte Programme zu schreiben ohne einen eigenen Rechner zu haben und da ein Erwerb eines solchen Gerätes wegen der Kosten absolut illusorisch war.

computerfehler1993 war es dann soweit. Ich hatte einen eigenen Computer auf dem Schreibtisch stehen. Dieser war zwar nur ein gebrauchter 486er - Rechner mit einem heutzutage als lächerlich wenig anmutenden Prozessortakt von 20 MHz, aber trotzdem war dessen Besitz eine spürbare Erleichterung. Zu dieser Zeit schrieb ich viel mehr als in den Vorjahren, was in der Arbeit für das zusammen mit einigen Freunden frisch gestartete Punkfanzine Suburbia begründet war. Ich hatte mir das Gerät nur aus einem Grunde angeschafft: Ich war es leid mich für nur einmal beschreibbaren Farbbandkassetten für meine Schreibmaschine dumm und dämlich zu bezahlen. Stets hatten schon nach einem halben Jahr die Kosten für solche knapp jeden Monat benötigten Verbrauchsmaterialien den Anschaffungspreis fast erreicht. Das war mir zu teuer, ähnelte dem jährlichen Kauf einer neuen Schreibmaschine. Also musste eine Alternative her, und eines dieser neuartigen Geräte namens Personal Computer war optimal geeignet für einen Vielschreiber. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich absolut nichts über solche Geräte, noch nicht einmal, dass vor dem Ausschalten ein Herunterfahren des Betriebssystems nötig ist. Folglich schaltete ich in den ersten Monaten den Computer nach Benutzung immer direkt aus und wunderte mich warum der Speicherplatz auf der nur wenige hundert Megabyte großen Festplatte rasant immer kleiner wurde.

Beim Suburbia-Fanzine war ich für Layout und Anfertigung der Druckvorlagen zuständig und zur Texterstellung und Bildbearbeitung nutzte ich schon bald den Rechner. Dies war eine spürbare Arbeitserleichterung, die viele vorher ungeahnte Möglichkeiten bot. Nur der Aldus Pagemaker  weigerte sich beharrlich zu starten. Das fand ich schade, denn ich hätte ich doch gerne mit gerade diesem Programm gearbeitet. Also musste ein nagelneuer Computer mit einem brandaktuellen Pentium-Prozessor her, der in der obersten Preis- und Leistungsklasse mit schwindelerregenden 133 MHz lief. Aber vorher stand der Erwerb eines Scanners an.

Da Flachbettscanner für mich unerschwinglich teuer waren und nicht selten mehr als ein kompletter neuer Rechner kosteten kaufte ich mir einen billigen Handscanner, ähnlich der Geräte mit denen Verkäuferinnen an Kassen die Preise erfassten. Allerdings konnte er nicht einfach an den Computer angeschlossen werden. Zuerst musste eine Steckkarte eingebaut werden. Diese für mich vollkommene neue Tätigkeit stellte mich vor ein Problem, und ich musste erst schnell in die Stadt eilen und mir einen Kreuzschraubendreher kaufen. Alles Weitere ging ohne Probleme vonstatten, und in den nächsten Wochen war ich immer wieder aufs Neue erfreut über dieses wundersame und praktische Gerät. Kurze Zeit später schaffte ich mir nach Zusammenkratzen meiner Ersparnisse den erwünschten Pentium-Rechner an, der zudem mit dem nagelneuen und benutzerfreundlichen Windows 95 als Betriebssystem aufwartete.

Einige Tage nach Erwerb des Computers erwarb ich eine aktuelle PC-Zeitschrift, und sah mit Genugtuung meinen Neurechnertyp an der Spitze der technologischen Rangliste stehen. Nur wenige Wochen später erwarb ich eine neue Ausgabe dieser Zeitschrift und stellte mit Erstaunen fest, dass mein kurze Zeit vorher noch als "technologisches Spitzenexemplar" apostrophierter Neurechner nun in der Rangliste gar nicht mehr aufgeführt war, von knapp einem Dutzend leistungsfähigerer Produkte überholt worden war. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich mit der typischen Schnelllebigkeit von Hardwareprodukten in der Computerbranche konfrontiert. "Was heute noch ein Spitzenprodukt ist, gilt morgen als von gestern, ist technisch völlig veraltet und keinerlei Silbe mehr wert", dachte ich bei Lektüre des Artikels.

Der Handscanner wurde erfolgreich an den Neurechner angeschlossen und einer Idee folgend ersetzte ich die Maus durch einen elektronischen Stift und das Mousepad durch ein Schreib-Tablett. Die Arbeit mit in Computern digitalisierten Fotos begann mich zu faszinieren, so sehr, dass ich mich mitunter stundenlang mit der Produktion sogenannter Composings befasste. Ein Beispiel für meine damalige Arbeit habe ich auch noch: Zuerst nahm ich ein Kinderbild  von mir, bei dessen Aufnahme ich anscheinend ein bisschen schlecht gelaunt war, einen Filmplakatausschnitt eines angesagten Horrorfilms, mixte beide etwas und zum Schluss erhielt ich folgendes Endergebnis. (Was leicht gesagt ist war in der Praxis deutlich schwieriger. Dieses Bild entstand mit Photoshop 2, damals gab es noch keine die Bildmanipulation deutlich erleichternden Ebenen, ich musste alles mit verschiedenen Werkzeugen per Hand machen und es dauerte wohl 50-100 Stunden bis alles fertig war).
Aber mein Faible für digitale Bildbearbeitung zeigte sich nicht nur in irgendwelchen Freizeitaktivitäten. Auch kaufte ich mir ein dickes Buch namens Bildbearbeitung am PC, las oft darin und nahm es sogar mit in die Fabrik (ich verdiente mein Geld als Schicht- und Akkordarbeiter in einer Porzellanfabrik) um die offiziellen Pausen ebenfalls für Weiterbildung zu nutzen. Für Freude sorgte ein radikaler Preissturz bei Flachbettscannern. Ein Gerät der untersten Preisklasse war irgendwann für knapp anderthalb meiner Wochenlöhne erwerbbar, also legte mir ein solches Exemplar zu. Ein Flachbettscanner war wirklich besser, großflächige Vorlagen konnten problemlos ebenso eingescannt werden wie kleine Bilder, auch war keine ruhige Hand mehr nötig um ein brauchbares Ergebnis zu erhalten. Der Handscanner halte also ausgedient, die Steckkarte konnte wieder aus dem Rechner entfernt und das Gerät der Abteilung "Veraltete Hardware" überverantwortet werden.

In dieser Zeit begann eine verstärkte Benutzung des Rechners zu Layoutzwecken bei der Erstellung des Suburbia. Am Anfang wollte ich die unterschiedlichen Layoutformen mischen, benutzte den Computer nur zur Text- und Bildbearbeitung, schnitt die ausgedruckten Ergebnisse aus und erstellte wie gewohnt punkfanzinetypische Druckvorlagen unter dem häufigen Einsatz von Schere und Klebstoff auf vorbereiteten Papierseiten. Aber der Drang ein derartiges Layout auch rein digital kreieren zu können wurde immer stärker. Bald verzichtete ich ganz auf Schere und Klebstoff, erstellte komplett digital angefertigte Seiten im Rechner und druckte sie aus. Dies ging soweit, dass ich bei der letzten Ausgabe des Suburbia völlig auf den Einsatz von Papier verzichten konnte und Ende der Neunziger nach Absprache mit einer Druckerei dieser eine CD mit den Druckvorlagen übergab. Besonders in der Erstellung eines neuen Heftes war das Layouten sehr viel Arbeit. In der Regel nahm ich mir in dieser Phase immer einige Tage Urlaub und saß manchmal bis zu zwölf Stunden am Rechner, Trotzdem fühlte ich mich am Ende eines solchen Arbeitstages früher oder später wieder fit und konnte einen erfolgreichen Tag mit einem ausgiebigen Kneipenbesuch gebührend beenden. In diesen Schaffensphasen fiel mir immer wieder auf, dass der Körper nach sogar zwölfstündiger geistiger Arbeit viel schneller regenerierte als nach einer mit körperlicher Akkordarbeit gefüllten Acht-Stunden-Schicht.

Aber nicht nur bei der Fanzineerstellung erwies sich der Grafikrechner als vorteilhaft, auch in der Fabrik konnte ich wegen einer kleinen Rechnerbenutzung Fehl- und Wartezeiten vermeiden. Irgendwann wurde dort der Eingangsbereich durch eine Gitterwand abgesperrt, und Zutritt zu den Werkshallen erlangte man nur durch eine in deren Mitte befindlichen Drehtür, die allerdings nur mittels einer vorher ausgehändigten Barcodekarte entsperrt werden konnte. Der darauf abgedruckte Barcode war allerdings sehr klein (ungefähr die halbe Größe einer Briefmarke), zwar die Karte selbst durch eine Laminierung  vor Verschmutzung geschützt, aber die Schweißnaht war nur wenige Millimeter vom Außenrand entfernt, öffnete sich nach mehrmaligen Gebrauch stellenweise wieder. Folglich konnte die stark staubhaltige Luft eindringen und deren feste Bestandteile setzten sich auf dem kleinen Strichcode ab. Immer öfter hatte der an der Tür befindliche Barcodeleser Schwierigkeiten das Kleingedruckte korrekt zu erkennen und erst nach mitunter dutzenden Versuchen konnte man an seinen Arbeitsplatz. Als ich einmal zur Nachschicht wollte und über eine halbe Stunde verzweifelt und erfolglos versuchte die Tür zu öffnen reichte es mir mit den oftmaligen Aussperrungen. Das Problem war bekannt und eine rasche Lösung dessen schwebte mir vor. Also scannte ich die Karte ein, vergrößerte den Barcode mittels eines Bildbearbeitungsprogrammes, unterzog den Strichcode einer starken Kontrastscharfzeichnung und druckte die gesamte Karte wieder aus. Am gleichen Abend testete ich meine neue Eigenkreation und erlangte direkt im ersten Versuch freien Zutritt. Also hatte ich mit meiner Vermutung richtig gelegen. Seit jenem Tag und bis zur Firmenschließung benutzte ich diese Karte und hatte niemals wieder Probleme mit der störrischen Tür. Ich konnte sogar auf eine Laminierung der Karte verzichten, da der allgegenwärtige Staub den Barcode nicht mehr unleserlich machen konnte. Diese Einlassprobleme hatten wohl auch einige Kollegen von mir, denn nur kurze Zeit nach meinem regulativen Eingriff versammelten sich eines Nachmittags mehrere fragende Mienen zeigende Schlosser und Elektriker an dieser Tür und starrten den Barcodeleser an. Wie immer öffnete ich ohne jegliches Problem das Objekt der Begierde und trat meinen Feierabend an. "Nix mehr meine Problem", dachte ich mir.


In dieser Zeit entstand in mir der Wunsch in Zukunft mein Geld mit Computern und nicht mit Fabrikarbeit zu verdienen, besonders als ein professionell als Grafiker arbeitender Gast meiner Stammkneipe nachdem ich einige Arbeitsproben gezeigt hatte zu mir "Du gehörst nicht in eine Fabrik sondern in ein Grafikstudio" sagte. Außerdem erzählte er mir 1983 seine berufliche Laufbahn mit dem frisch erschienenen "Sinclair"-Computer begonnen zu haben. Dieser Name sagte mir etwas. Soweit ich mich erinnere, hatte es sich beim Sinclair um einen ziemlich kleinen Computer ohne Bildschirm oder Peripheriegeräte gehandelt, der aber zu einem damals revolutionär niedrigen Preis von wenigen hundert Mark angeboten wurde. Diesen Rechner hätte 1983 auch gerne besessen, aber da ich damals arbeitslos war und keine reichen Eltern hatte reichte das Geld nur für die wochenendliche Bierration. Inzwischen hatte ich zwar einen Job und besaß einen Rechner, aber mein Vater hatte sich bei seiner Hilfsarbeitertätigkeit in einem Chemiewerk leider keine Reichtümer erarbeiten können, fielen meine Eltern als eine potentielle finanzielle Unterstützungsmöglichkeit weg. Zudem verfügte ich nicht über großen Rücklagen und ein erwogener Berufswechsel würde in der ersten Zeit sicherlich zu existenzbedrohenden Mindereinnahmen führen. Also musste ein solcher Schritt genau überlegt und vorbereitet sein. Ende der Neunziger beschloss ich dann mich noch zwei oder drei Jahre autodidaktisch fortzubilden und darauf den Absprung aus dem ungeliebten Berufsleben zu wagen.


Nie wieder Fabrik

nachdenkenEine Entscheidung darüber wurde mir aber schon im Sommer 1999 aus der Hand genommen, als der Mutterkonzern entschied das Werk zu schließen und die Porzellanproduktion nach Ägypten auszulagern. Überraschend wurde ich unverschuldet arbeitslos. Ich hätte zwar wieder als Hilfsarbeiter in einer anderen Fabrik anfangen können, aber ich lehnte das Angebot ab und wollte getreu dem Motto "Ein Ende ist auch immer ein neuer Anfang" versuchen mein Hobby zu einem Beruf zu machen.

Ein unverhoffter Geldsegen in Form einer Überweisung von mehreren tausend Mark versüßte dieses Ende: meine vermögenswirksamen Leistungen  wurden bei Fabrikstilllegung ausgezahlt. Das Girokonto war also gefüllt wie noch nie, doch da ich wusste, dass der nächste Schritt eine Arbeitslosmeldung auf dem Arbeitsamt war und ich meine Konten offenlegen musste um Arbeitslosengeld zu bekommen, hob ich die Summe ab, deponierte das Geld zu Hause. Im Hinblick auf mein Vorhaben beschloss ich mein frisch erlangtes Vermögen erstmal unangetastet zu lassen, das Geld als Rücklage für die auf mich zukommenden Zeiten einer finanziellen Knappheit zu betrachten.

Mein erster Besuch beim Arbeitsamt seit über fünfzehn Jahren bestätigte die Richtigkeit dieses Schrittes. Wie vorausgesehen musste ich mit aktuellen Kontoauszügen aufwarten um in den Genuss von Leistungen zu kommen, und wie erwartet sorgte die Nennung meines erlernten Berufes – Industrie-Keramiker – und mein Wunsch "Irgendetwas in der Computerbranche zu machen"  für Unverständnis bei den verbeamteten Kaffeeschlürfern. Nur die Mitteilung als jemand der einen Beruf gelernt hat erstmal mindestens ein halbes Jahr arbeitslos sein zu müssen bevor eine Umschulungsmaßnahme bewilligt werden könnte überraschte mich. Hätte ich niemals eine Lehre gemacht, hätte ich sofort von nichts auf etwas Neues umschulen können. So war ich behördlich zur Untätigkeit verdammt, obwohl ich am liebsten direkt am nächsten Tag eine neue Herausforderung in Angriff genommen hätte.

Eine Chance?

lehrgangNach mehreren ereignislosen Monaten in denen meine Hauptbeschäftigung im Anschauen von Talk-Shows und Soap-Operas bestanden hatte, entdeckte ich bei einem meiner zweiwöchentlichen Arbeitsamtbesuchen in einem der Regale ein kleines, einzelnes Flugblatt, bei dem für die Teilnahme eines in wenigen Tagen stattfindenden Kurses für Netzwerktechnik bei der "Deutschen Angestellten Akademie" geworben wurde. Das war meine Chance als Seiteneinsteiger in die Computerbranche zu kommen, obwohl ich von Netzwerktechnik keinerlei Ahnung hatte und mich bisher hauptsächlich mit Grafik und Layout beschäftigt hatte. Aber Hauptsache "irgendwas mit Computern", Hauptsache endlich wieder etwas tun, Hauptsache dieser nervigen Untätigkeit entfliehen zu können bevor eine psychische Talk Show-Abhängigkeit erwachsen konnte. Sofort nach dem wieder ergebnislosen Gespräch mit dem coffeinsedierten Arbeitsvermittler eilte ich zu der kursanbietenden Institution und wurde als einer der letzten Teilnehmer akzeptiert. Der Kurs sollte drei Monate dauern, ich teilte dies dem Arbeitsamt mit und dort waren die für mich zuständigen Personen erfreut darüber, dass sich plötzlich ein schier unlösbar anmutendes Vermittlungsproblem zumindest temporär gelöst hatte.

Am ersten "Schultag" hielten sich bei mir Aufregung und Neugier die Waage, und angesichts der anderen Teilnehmer verschwand erstere recht schnell. Wir waren genau zwölf Leute, aber höchsten vier oder fünf davon nahmen mit der Intention für eine spätere berufliche Tätigkeit etwas über Computer lernen zu wollen daran teil. Die meisten waren lediglich aufgrund bürokratischer Irrwege in diesen Kurs verschlagen worden. Bei der einzigen weiblichen Teilnehmerin - eine zierliche Polin Ende zwanzig, die stets ein wenig überonduliert wirkte und als arbeitslose Arzthelferin wohl nur vom Arbeitsamt in diesen Lehrgang abgeschoben worden war, weil die Bezeichnung „Netzwerktechnik“ einem ahnungslosen Arbeitsvermittler „Das ist wohl irgendwas mit Computern...“ sagte und solche Fortbildungen „immer nützlich sind“  – konnte ich deren Anwesenheit noch halbwegs erklärbar finden, aber bei Leuten wie dem deutschen Malermeister mit eigener Firma in Spanien der nur aufgrund einer Operation in Deutschland weilte, oder einem braungebrannten und etwa fünfzigjährigen Hochseekapitän, fragte ich mich schon warum sie in diesem Kurs waren. Ich glaubte nicht, dass diese Menschen auf der Zielgeraden ihres beruflichen Lebens noch unbedingt Netzwerkadministrator werden wollten, ihre Arbeitslosigkeit nutzen um sich einem geheimen Steckenpferd zu widmen oder von einer Karriere als IT-Fachmann träumten.

Schwerpunkt war wie erwartet Netzwerktechnik, bzw. Aufbau eines Netzes unter dem Betriebssystem NT 4.0  und Steuerung des Netzes durch einen Rechner auf dem die Serverversion von Windows NT lief. Zuerst fertigten wir Netzwerkkabel an, vernetzten alle Rechner und installierten auf jedem einen Server, banden die Hardwarekomponenten ein und schafften einen netzwerkweiten Zugang zum Internet. Danach übernahm jeder abwechselnd die Administration des Netzwerkes. Besonders die Installation des Serversystems wiederholte sich zu Beginn fast jeden zweiten Tag, so dass wir es fast im Schlaf beherrschten. Zwecks Auflockerung des sich wiederholenden Lernstoffes wurde für die Dauer von zwei Wochen die Handhabung sämtlicher Anwendungen des microsoftsches Office-Paketes geübt.

Angesichts des Gefühls auf dem richtigen Weg zu sein, beschloss ich die Anschaffung eines neuen Rechners, da mein Pentium-PC mittlerweile hoffnungslos veraltet war. Ich sah es als eine Investition an, und da der ehemalige Inhaber einer ehemaligen Stammgaststätte inzwischen einen Computerdienstleistungsladen unterhielt beschloss ich meinen neuen Rechner dort zu kaufen.

Mittlerweile gab es mit den Athlon-Prozessoren von AMD eine preislich günstigere und qualitativ befriedigende Alternative zu den Pentium-Prozessoren, eine Entwicklung die sich günstig auf mein Erwerbungsvorhaben auswirkte. So einen wollte ich haben, am besten einen Computer mit einem Athlon, wenn dann einen mit der höchsten Taktrate von 700 MHz  und auf dem praktischerweise gleich zwei Betriebssysteme laufen sollten, ein Windows NT und eines der zweiten Ausgabe von Windows 98.

Mit dem Chef des Ladens vereinbarte ich, den Rechner zusammen mit einem Techniker selbst zu bauen und die Systeme zu installieren. Ich sah es als eine Möglichkeit nützliche Erfahrungen zu sammeln, willigte freudig ein und kurze Zeit später besaß ich einen neuen und leistungsstärkeren Rechner als vorher. Dieser verfügte über eine Maus als Eingabegerät, und da ich ein frisch installiertes Computerspiel namens Quake 3 Arena  ausprobierte und ich es schon nach kurzer Zeit nicht mehr missen wollte, verzichtete ich auf eine Installation des Stiftes als Mausersatz. Mit einem Stift war es unmöglich dieses Spiel zu spielen, also musste die Maus bleiben. Schnell fand ich Gefallen an dieser für mich neuen Art der Computernutzung und bei den Übungen für die Abschlussprüfung wechselten sich Prüfungssoftware und "Quakearena" kontinuierlich ab. Irgendwie sah ich beide Programme als zwei unterschiedliche, aber doch ähnliche Spiele an, deren Gemeinsamkeit darin bestand in Punkto Geschwindigkeit und Genauigkeit stets am Limit zu agieren.
Bei der durch einen Vertreter von Microsoft durchgeführten Prüfung zum Abschluss des Lehrgangs bestanden wie erwartet nur ein Drittel der Teilnehmer des bunt zusammengewürfelten Haufens, genau vier an der Zahl. Praktisch nur einige der an der Thematik interessierten Leute, jene, die wirklich etwas erreichen wollten und nicht nur aufgrund einer bürokratischen Laune anwesend sein mussten. Eine Erfolgsquote von 33 % wird zwar von jedem Kursleiter als ein negatives Endergebnis gewertet, ist aber keine Überraschung wenn man einen Kurs willkürlich besetzt und dazu hauptsächlich mit an der Thematik uninteressierten Leuten. Ebenso war es für mich keine Überraschung auch zu den wenigen erfolgreichen Kursteilnehmer zu gehören und noch weniger mal wieder Zweitbester zu werden. "Vize" war ich in allen möglichen Lebensbereichen schon oft. Jedenfalls konnte ich mich danach mit dem Titel "Microsoft Certified Professional für Implementation und Wartung von Windows NT 4.0 Server" schmücken. Indirekt hatte also "Quakearena" für ein berufliches Erfolgserlebnis gesorgt.

Stolz auf meine Leistung erfüllte mich und durch den errungenen Titel glaubte ich einen Seiteneinstieg in die Computerbranche geschafft zu haben, Stolz der allerdings rasch verflog als auf dem Untätigkeitsamt meine Ergebnisnennung mit der Frage "Ist das ein Computerprogramm?" kommentiert wurde. Als mir dann noch der Stellencomputer im Vorraum einen Arbeitsplatz als "Lochkartenraumverwalter" anbot machte ich mir keine Hoffnungen auf eine Arbeitsstellenfindungshilfe durch diese Behörde mehr. Anscheinend war hier die Zeit irgendwo in einem früheren Jahrzehnt stehengeblieben. Also musste ich mein Ziel irgendwie durch Eigeninitiative erreichen, war es Quatsch mich auf Unterstützung durch eine anachronistisch agierende Behörde zu verlassen. 

Drei Wochen später bekam ich Post, ein kleines Päckchen aus den USA, genauer gesagt aus dem US-Bundesstaat Washington, versehen mit dem Absender der Microsoft Corporation. Es enthielt jede Menge unverständlichen englischen Papierkram und ein Zertifikat  mit der Überschrift „Certificate of Excellence“, das mit einer maschinellen Unterschrift von Bill Gates versehen war. Anscheinend was ich nun ein offizieller Mitstreiter bei der digitalen Revolution. Jedenfalls sorgte der Inhalt für einen Heiterkeitsausbruch, die Absurdität der Situation erfüllte mich mit Freude und ich beschloss sofort mit dem Paket meine Stammkneipe aufzusuchen, dort einen Teil meiner Stütze zu versaufen und anderen Menschen eine erstaunliche, aber wahre Geschichte zu erzählen. Das Leben geht manchmal echt komische Wege.


Der nächste Schritt

Kurz darauf kam mir der Zufall zur Hilfe, denn auf einer Party traf ich den Besitzer des Computerladens bei dem ich den neuen Rechner gekauft hatte. Ich schilderte ihm mein Problem und er bot mir an in der Technik seines Geschäftes ein vierwöchiges und entgeldfreies Praktikum zu machen. Sofort stimmte ich zu, denn dies war ein weiterer Schritt in die richtige Richtung und würde mit Sicherheit nützliche praktische Erfahrungen ermöglichen.

Am ersten Arbeitstag machte ich mich zuerst mit dem mir zugewiesenen Arbeitsplatz vertraut. Ein 17´ Zoll-Röhrenmonitor dominierte einen einfachen Tisch, daneben stand ein Umschalter an den insgesamt vier Rechner angeschlossen werden konnten die alle dieselbe Maus, dieselbe Tastatur und den einen Monitor nutzten. Zur Linken desselben stapelten sich diverse Laufwerke, und an der Wand hing unter einer Werkzeughalterung der eigentliche Rechner, der praktisch nur aus einer an der Wand befestigten Hauptplatine mit den wichtigsten Komponenten bestand. Mehr war auch nicht nötig, und wegen der häufigen schnellen Hardwarezugriffe war man froh wenn kein Gehäuse vorhanden war. Als erstes installierte ich ein leicht zu handhabendes Windows 98 SE, auf einer anderen Festplatte ein meist von Firmen genutztes Windows NT und auf einer dritten ein Suse-Linux, welches bei Zugriffen auf Windows-Rechner oft sehr nützlich ist.

pc schildNachdem dieses geschafft war bekam ich die Aufgabe auf einem recht alten Rechner ein Windows zu installieren. Im Nachhinein würde ich es als eine sehr lehrreiche, aber auch perfide Erstaufgabenstellung bezeichnen, denn bei diesem Rechner war der Arbeitsspeicher defekt und die Installation eines Betriebssystems wurde dadurch praktisch unmöglich. Knapp zwei Tage versuchte ich vergeblich ein Windows zu installieren, verzweifelte fast unter den fortwährenden, mit immer anderen und seltsamen Fehlermeldungen begründeten Abbrüchen. Schon mit einigen wenigen Monaten Berufserfahrung hätte ich einen derartigen Fehler sofort der richtigen Ursache zugeordnet und mir so sehr viel Nerverei erspart. Aber ein Neuling kann dies natürlich noch nicht erkennen, obwohl ich an diesen Tagen sehr viele Erfahrungen mit den Auswirkungen solcher Datenfehler machte.

Aber damit hatte ich schon nach den ersten Tagen die schwerste Aufgabe meiner Praktikumszeit hinter mir. Der Rest bestand aus sich immer ähnelnden Tätigkeiten wie Grafik- oder Soundkarteneinbau oder einer fast täglich vorkommende Neuinstallation von Windows. Ansonsten lernte ich wie man die Komponenten eines Computers zusammenbaut und richtig verkabelt, durfte Gebrauchtrechner oder Rechner für den internen Gebrauch bauen, nur Neurechner für Kunden noch nicht. Verständlicherweise wurde eine derartige Arbeit von einem festangestellten Techniker und nicht von einem Praktikanten durchgeführt.

Mitunter kam sogar ein Kunde mit seinem Rechner in unsere Werkstatt und schaute dem Techniker bei einer schnell zu erledigenden Arbeit an diesem zu. Wenn der Monteur allerdings der dienstälteste Techniker war bekam man manchmal ein verdutztes Kundengesicht zu sehen.
Jener zeichnete sich nicht nur durch überdurchschnittliche technische Fähigkeiten, sondern auch durch eine lebhafte Phantasie aus. Diese spiegelte sich auch in seiner Arbeitsplatzgestaltung wieder, denn neben dem Monitor stand ein doppelt so großer Turm aus unterschiedlichen Laufwerken, die in einem selbstgefertigten Rahmen befestigt und an der Arbeitsrechner angeschlossen waren. Eines davon war ein lesedefektes CD-Laufwerk, er hatte es umgebaut und in einen per Mausklick herausfahrbaren Aschenbecher umfunktioniert. Im Beisein des Kunden öffnete sich wie von Geisterhand veranlasst die Datenträgerschublade, er drückte seine Zigarette in dieser aus, schloss den computergestützten Aschenbecher dann auf die gleiche Art wieder. Fürwahr nur eine kleine Spielerei, die aber dennoch sein unkonventionelles Denken widerspiegelte und für manche Überraschung sorgte.

Nach Ablauf der vier Wochen erklärte mir der Chef sehr zufrieden mit mir zu sein und wenn ich wollte könnte ich bei ihm sofort eine Stelle als Umschüler zum IT-Systemelektroniker antreten. Natürlich wollte ich, empfand sogar brennende Freude über diese unverhoffte Chance. Mir machte die praktische Arbeit mit Computerhardware Spaß, obwohl ich nie im Traum daran gedacht hätte in dieser Sparte zu landen und dort meinen Seiteneinstieg zu beginnen.


Das Ziel ist in Sicht

Auch beim Arbeitsamt war man froh über diese Entwicklung, wurde so doch das Problem eines schwer vermittelbaren Arbeitslosen ohne ihr Zutun gelöst und von ihnen genommen.
In den ersten Wochen meiner neuen Tätigkeit unterschied sie sich inhaltlich kaum von jener im Praktikum, nur bekam ich jetzt verstärkt auch Kundenrechner zugewiesen die nicht nur ein einfaches Hardwareproblem bekam hatten, sondern auch solche bei denen ein Problem teilweise oder völlig softwarelastig auftrat. Hierfür eine Lösung zu finden war stets am schwierigsten und erforderte oft intensives Nachdenken. Aber da war ich guter Dinge, denn ich konnte bisher jedes Computerproblem irgendwie lösen.

Mein monatlicher Verdienst belief sich lediglich auf einige hundert Mark, ebenso die mir vom Arbeitsamt zugestandene Unterstützungssumme. Deshalb war ich sehr froh einen Großteil des ersparten Geldes der vermögenswirksamen Leistungen zurückgelegt zu haben, denn um über die Runden zu kommen konnte ich mir so Monat für Monat ein wenig davon nehmen. Ohne diese Möglichkeit wäre es allein wegen des Geldes gar nicht möglich gewesen eine Umschulung zu machen.

Ende des Sommers 2000 musste ich erstmalig zur Berufsschule und der Gedanke mit Ende Dreißig erneut die Schulbank drücken zu müssen gefiel mir gar nicht. Die Berufsschule war in einer nur wenige Kilometer entfernten anderen Stadt, untergebracht in einem großen Gebäudekomplex in dem neben der Berufsschule auch irgendeine Schule für Kinder war. Da ich der einzige war der mit dem Zug in diese Stadt fuhr, alle anderen Schüler aus meiner Klasse ein Auto zwecks Erreichung benutzten, musste ich mich auf dem viertelstündigen Fußweg vom Bahnhof zum Schulkomplex in eine lange Reihe schulranzenbewehrter Kinder einreihen und mit marschieren. Jene waren alle deutlich jünger als ich, und in dieser Kolonne fühlte ich mich, der ich körperlich deutlich größer als die mich umgebenden Menschen war, in meiner Lederjacke und mit dem abgenutzten Rucksack gelinde gesagt sehr komisch, kam mir wie der größte Depp Deutschlands vor, wie jemand der knapp zwei dutzend Male sitzengeblieben war und mit Ende Dreißig immer noch versuchte einen Schulabschluss zu schaffen. Jedesmal wenn das Schulgelände erreicht war und sich unsere Wege trennten war ich heilfroh wenn die Kinderschar endlich verschwunden war.

Zudem erfüllte es mich mit Erheiterung, die gleiche Schule schon vor über zwanzig Jahren besucht zu haben, als einige meiner jetzigen Lehrer noch zur erwartungsvollen Schamhaarwuchsbeobachtungstruppe gezählt hatten. Damals unterlag ich noch der Schulpflicht, war als junger Hilfsarbeiter in eine Berufsschulklasse für Jungarbeiter gestopft worden, hatte diese aber nur ein einziges Mal aufgesucht, war auch in den Wochen danach stets dem Lockruf der Bahnhofskneipe gefolgt. Zwei Jahrzehnte später hätte ich diese ebenfalls dem Schulbesuch vorgezogen, auch wenn man dort recht wenig über Computer lernt. Außerdem konnte ich über vieles was die Lehrer ihren Schülern erzählten nur müde grinsen. Oft waren es nur theoretische Ausführungen über Dinge und Sachverhalte in unserer Gesellschaft, reine Wunschvorstellungen von Theoretikern die in den seltensten Fällen einmal ihr Wolkenkuckucksheim verlassen hatten und mit dem wirklichen Leben konfrontiert worden waren. Jenes kannte ich nach über 15 Jahren Fabrikarbeit, Wehrdienst und diversen Erfahrungen gut genug. In Wirklichkeit war alles anders als dargestellt, solche Wunschbilder der Realität konnten vielleicht für Kinder und Jugendliche glaubhaft wirken, für mich waren sie lächerlicher Quatsch. vogel zeigen

Auch der Klassenraum verlieh sich einen Anschein von Modernität und Realitätsbezug. Die Schultische waren U-förmig aufgestellt und hinter uns befand sich ebenfalls eine lange Reihe von Tischen, auf denen für jeden Schüler ein mit allen anderen Rechnern vernetzter Computer aufgestellt war. Allerdings saßen wir meist an den innenliegenden, computerlosen Tischen und schauten auf den am offenen Kopfende befindlichen Lehrerschreibtisch, auf dem ein als Server fungierender Rechner stand. Dort sitzend mussten wir erstaunlich oft irgendwelche Sachen auf altmodische Art handschriftlich niederschreiben. Das konnte ich nicht verstehen. Vorhandene Technik sollte man auch gebrauchen, und mit Systemabbildern und –richtlinien wären es ein Leichtes gewesen das vorhandene Equipment auch bei Klassenarbeiten zu nutzen. Beim handschriftlichen Schreiben tat ich mich schwer und wurde stets als letzter fertig. Das verwunderte mich nicht, hatte ich Handschrift im Laufe der Jahre doch fast verlernt. In den anderthalb Jahrzehnten in der Fabrik hatte ich diese Fähigkeit sehr selten gebraucht, und auch in meiner Freizeit ich auch so gut wie nie mit der Hand geschrieben, hatte stets eine Tastatur oder Schreibmaschine dafür benutzt.

Zu dieser Zeit sorgten einige Höhepunkte für Abwechslung in der oftmaligen Gleichförmigkeit im Computerladen. Den ersten erlebte ich als ich erstmalig einen Neurechner für einen Kunden bauen durfte, und im Laufe der Monate folgten weitere. Zum Beispiel der Auftrag den innerbetrieblichen Server umzurüsten (ein in einem kleinen Nebenraum stehendes Big Tower-Skelett ohne jegliche Abdeckungsteile in dem sich nur Netzteil, Hauptplatine und mehr als ein halbes Dutzend Laufwerke befanden), ein wenig Telefonhotline (Echt schönes Wort. In der Realität galt es irreführende Kundenaussagen am Telefon richtig zu interpretieren oder sich schier endlos Fehlermeldungen vorlesen zu lassen), ab und zu etwas Außendienst (es gibt wohl wenige Computertechniker die mit dem Fahrrad zu Kunden fahren) und immer wieder Neuinstallationen von Windows 98 SE.

Durch die häufige Wiederholung konnten wir alle diese Windows-Version fast im Schlaf installieren, und so war es für mich auch kein Problem, als ich für einen griechischen Kunden ein griechischsprachiges Windows installieren musste. Zwar konnte ich keinerlei Text verstehen, aber das musste ich auch nicht, denn allein am Zeitpunkt des Auftauchens bestimmter Meldungsfenster und deren Aussehen war zu erkennen ob die Installation korrekt ablief oder ob es sich um eine Fehlermeldung handelte. Zum Glück tauchte eine solche hierbei nicht auf, denn sonst hätte ich einen griechischen Bekannten zu Rate ziehen müssen.

Außer dem phantasievollen Techniker mit dem digital gesteuerten Aschenbecher (der als Seiteneinsteiger keinerlei Ausbildung im Bereich Computer hatte und diesen Beruf aufgrund seiner Fähigkeiten ausübte) und mir arbeiteten noch zwei junge Männer in der Technik, die beide eine reguläre Ausbildung zum Beruf des IT-Systemelektronikers machten. Eines war aber bei allen Beschäftigten – gleich welchen Alters – identisch: Mit dem Feierabend endete zwar die tägliche Zeit der Arbeit im Computerladen, aber mitnichten war damit im Gegensatz zu vielen Menschen die nach Feierabend nichts mehr von den Inhalten ihrer beruflichen Tätigkeit wissen wollen automatisch die tägliche Phase der Beschäftigung mit diesen Geräten zu Ende. So zum Beispiel hatte sich einer der beiden jungen Auszubildenden auf den Außendienst bei Firmenkunden spezialisiert und kümmerte sich um dortige Netzwerkprobleme, und um diese zu Hause und nach Feierabend nachspielen zu können er hatte sich dort sechs miteinander vernetzte Rechner aufgestellt. (Da dieser junge Mann während eines Arbeitstages meistens abwesend war und sein häufig abstürzender oft Rechner unbeschäftigt blieb, nutzte ich eine Phase der Minderbeschäftigung und änderte einige Einstellungen in dessen "win.ini" (Windows-Steuerungsdatei). Amüsiert betrachtete ich einige Stunden später das dumme Gesicht meines Arbeitskollegen, als sein Rechner statt Bluescreens nur noch Greenscreens zeigte. Derartige kleine Gags konnte ich mir schon immer nie verkneifen.)

Auch bei mir war es nicht viel anders: Wenn ich nach zehn Stunden Arbeit im Computerladen nach Hause kam schaltete ich immer als erstes den Rechner an, meist noch bevor ich daran dachte mir die Jacke auszuziehen und um mich nach Entledigung derselben sofort an einen startbereiten Rechner setzen zu können. In der Regel war ich froh die für mich recht profanen Probleme des Berufsalltags hinter mir lassen zu können um endlich am Computer all die Dinge zu machen denen man während der Arbeit nicht nachgehen konnte. Natürlich gehörte hierzu ein oft stundenlanges Spielen von "Quakearena", und einmal lernte ich sogar hierbei etwas. Irgendwann dachte ich daran wie schön es wäre wenn die Geräusche in Quakearena RICHTIG laut wären, die Atmosphäre nicht mehr von den blechernen Klängen der Computerlautsprecher erzeugt werden würde. Also schloss ich den Verstärker meiner Musikanlage und damit auch die anderthalb Meter hohen Boxen am Audio-Ausgang des Computers an. Kurz darauf erfüllten ultralaute Windows-Klänge und infernalischer Quakearena-Schlachtenlärm in jerichoaler Lautstärke meine kleine Wohnung, und nach einigen Beschwerden der Bewohner der Dachgeschosswohnung über mir (damals wohnte ich in einem Ärztehaus, hatte also keine direkten Nachbarn) hatte ich ein Einsehen und kaufte mir Kopfhörer.

Aber neben dem obligatorischen Spielen probierte ich in meiner Freizeit auch neue Möglichkeiten der Softwarenutzung aus. Solche Dinge machten und machen mir noch immer Spaß. Einmal entdeckte ich im Gegensatz zu heute noch recht überschaubaren World Wide Web ein Programm, das Batch-Dateien eine Textdatei mit MS-DOS -Befehlen in ausführbare Dateien umwandelte. Aus Spaß an der Freud fertigte ich so eine Datei an, die erst automatisch startete und dann direkt Maus und Tastatur abschaltete. Hilflos musste man als Anwender dann zuschauen, wie wie von Geisterhand veranlasst einiger Unsinn fabriziert wurde, sich zum Beispiel rund fünfzig Instanzen des windowseigenen Bildbearbeitungsprogramms öffneten oder Dateien gelöscht wurden. Aber rasch verlor ich die Lust an dieser Art der Betätigung, löschte das Ergebnis meines Versuches und wandte mich einer anderen Tätigkeit zu. Dies war zugebenerweise kein für meine berufliche Praxis dienliches Beispiel, aber das Grundprinzip ausführbarer .exe-Dateien, die zudem auch von Diskette gestartet werden konnten, ersparte mir später oft einiges an Zeit und die Eingabe längerer Befehlsketten.

Selbst wenn ich den Rechner abgeschaltet hatte und im Bett lag schaute ich kein Fernsehen (der Fernseher war sowieso nur noch morgens beim Kaffeetrinken in Betrieb, abends hatte ich interessantere Dinge zu tun als stundenlang einer passiven Bildberieselung zu frönen), sondern las Bücher wie eines über Kryptologie oder "Grundlagen der Netzwerktechnik" von Microsoft. Dem einen oder anderen wird dies sicherlich übertrieben vorkommen, aber ich fand solche Bücher fesselnder und interessanter als jeden noch so gut geschriebenen Roman, obwohl diese sicherlich nicht durch witzige Erzählweisen oder spannende Geschichten gekennzeichnet waren.

Als ich zum ersten Mal längere Zeit Urlaub hatte reiste ich um eine alte Freundin zu besuchen für einige Tage nach Trier. Auch hier wurde ich computertechnisch aktiv, installiert das Betriebssystem ihres alten Rechners neu, montierte eine neue Telefondose und richtete einen Internetzugang ein. Ein kleines Zwischenspiel amüsierte mich besonders. Beim Kauf eines PCI -Modems in einem kleinen Computerladen führte mich dessen Besitzer in der Annahme einen normalen Computernutzer vor sich zu haben in einen Nebenraum, damit ich mir seinen Arbeitsplatz und einen gehäuselosen Rechner anschauen konnte. Ich hatte keine Lust zu einem längeren Gespräch und unterließ es darauf hinzuweisen, dass mein Arbeitsplatz ähnlich aussah. Aber die Idee einem Kunden den passenden Steckplatz zu zeigen fand ich gut.

schuelerausweisZurück in Troisdorf und erneut in einem vom Wechselspiel zwischen Arbeit, Berufsschule, Lernen, Bandproben und wochenendlichen Konzertbesuchen geprägten Leben ereignete sich wenig völlig Neues, außer dass ich einmal in der Berufsschule nicht am Unterricht teilnehmen brauchte. An diesem Tag wurde im Rahmen des Unterrichtes über Computertechnik per Beamer eine Windows NT-Installation gezeigt, und als gefragt wurde wer dies schon öfter getan hatte meldete ich mich als einziger und durfte mich mit Billigung des Lehrers meiner selbstinstallierten Version von Quakearena widmen. Dies entsprach ja der Wahrheit, denn obwohl ich im beruflichen Alltag NT nur zwei- oder dreimal installieren musste, hatte ich während des Netzwerktechnik-Kurses ungefähr fünfzigmal einen Rechner mit der Server-Variante dieses Betriebssystems ausgestattet, jedenfalls so oft, dass ich eine Installation der einfacher zu installierenden NT-Workstation als eine leichte Übung betrachtete. Trotzdem verzichtete ich darauf zu erwähnen sogar ein Zertifikat über diese Installations- und Konfigurationsfähigkeiten zu besitzen. Ich befürchtete deshalb in die Unterrichtsführung eingebunden zu werden und ich wollte lieber nichts machen, bzw. mich in der Zeit meinem lautlosen Ballerspiel widmen. Auch meinem Chef im Computerladen zeigte ich mein Microsoft-Zertifikat nie, obwohl ich annahm, dass er sich über diesen visuellen Qualifikationsnachweis gefreut hätte und es sofort deutlich sichtbar in den Verkaufsräumen angebracht worden wäre. Ich weiß nicht mehr was ich damals dachte, aber höchstwahrscheinlich nahm ich die ganze Sache wohl nicht so ernst, maß ihr nicht viel Gewicht bei. Die Realität der beruflichen Praxis fand ich aussagekräftiger als ein Stück Papier.

Dort war im zweiten Jahr meiner Umschulung eine Art interner Wettbewerb um die interessantesten Kundenrechner entstanden. Die meisten Computer litten unter einem für uns alltäglichen Hard- oder Softwarefehler, oder höchstens unter einer etwas vertrackteren Kombination aus beiden. Da es natürlich langweilig war immer wieder das gleiche Problem lösen zu müssen, und weil jeder Techniker den Wunsch hatte sich einem exotischen und für Kurzweil sorgenden Problem widmen zu können war eine produktive Form der Aufgabenkonkurrenz gewachsen. Verlierer waren jene die mit Routinefällen Vorlieb nehmen mussten. Zum Beispiel kündigte der Arbeitszettelvermerk "Soundkarte geht nicht mehr" ein Routineproblem an, lautete dieser aber "Immer wenn Kunde Fenster öffnet stürzt der Rechner ab" war ein interessantes Problem erwartbar. Labermeia: Wen es interessiert: Bei dem Rechner der eine Frischluftzufuhr mit sofortigem Stillstand quittierte, war eine fast leere BIOS-Batterie die Ursache der Funktionsweigerung. Mit neuer Batterie hatte der Computer keinerlei Probleme mit Temperaturschwankungen mehr.


Aufgrund von personellen Änderungen und weil meine Arbeitskollegen viel öfter als ich Außendienst machten oder im Verkauf aushalfen, war ich oft alleine in der Technik und arbeitete manchmal an zwei Arbeitsplätzen gleichzeitig. Oft nutzte ich für eine Neuinstallation einen unbelegten Arbeitsplatz, denn wenn eine Installation lief musste ich ja nicht stundenlang davor hocken (übertrieben, aber bei den damaligen rechnertypen dauerte eine Windowsinstallation meist eine halbe bis eine Stunde). Anstatt zu warten arbeitete ich lieber woanders weiter.

Bei einer Wiederherstellung versehentlich gelöschter Daten entdeckte ich auf einem Kundenrechner einige Filme, kopierte mir diese auf Festplatte, nahm die Platte um die Daten zu überspielen abends mit nach Hause. Einige Stunden fragte ich mich ob ich nicht doch ein bisschen computerverrückt wäre, denn ich hatte es mir „bequem“ gemacht, lag umrahmt von Rauchutensilien und Bierdosen in einem Schlafsack unter meinen Schreibtisch und sah zu meinen an den Rand gezogen Monitor empor, schaute erstmalig einen Film. Die Möglichkeit einen Computer auch als einen Fernseherersatz nutzen zu können erfreute mich. Auch die anderen Filme schaute ich alle, legte mich dazu allerdings nicht mehr auf den harten Boden, sondern räumte meinen am Fußende des Bettes stehenden Rosa Fernseher weg (natürlich war er nicht rosafarbenen, aber ich nannte ihn so, da die Farbe "Gelb" kaputt war und alles in rosa gezeigt wurde. Nachrichtensprecher in Puffatmosphäre und Champions League-Fußball auf Aschenplätzen wirkten etwas … äh befremdlich) und stellte Monitor und Computer dort ab und legte mich ins Bett. Dies war eindeutig die bessere Lösung.

Wie sehr in dieser Zeit Computer mein Denken beherrschten stellte ich bei einem Berlinbesuch während eines Urlaubs fest (ich besuchte einen ehemaligen Punk der nun als Kommunikations-Elektroniker arbeitete). Da er ebenfalls gerne Quakearena spielte nahm ich meinen Computer mit, denn wir wollten unsere Geräte verbinden und über ein schnell eingerichtetes Netzwerk gegeneinander spielen. Um für alle erdenklichen Eventualitäten gewappnet zu sein hatte ich alles Mögliche mitgenommen, sogar Werkzeug und Computerersatzteile eingepackt. Nach meiner Ankunft wurde mir gewahr bei meiner Vorplanung erschreckend einseitig nur in eine Richtung gedacht zu haben. Ein zweites LAN-Kabel hatte ich für alle Fälle dabei, aber leider keine Zahnbürste. Diese hatte ich wohl vergessen.

Als sich meine Umschulung seinem Ende näherte war ich der festen Überzeugung bei Beginn dieser kaum Ahnung von Computern gehabt zu haben. Eine Einschätzung die verständlich erschien, denn durch die tägliche Konfrontation mit immer neuen Problemen und Lösung derer hatte ich wirklich viel dazugelernt. Eines erstaunte mich immer wieder: Obwohl bei Fehlern und Defekten stets ein logisches Nachvollziehen der Funktionsweise eines Computers die Grundlage für erfolgreiches Handeln war, spielte an einem bestimmten Punkt reines Gefühl eine entscheidende Rolle bei der Lösung von Computerproblemen. So zum Beispiel als ich mir bei einem Kundenrechnerproblem keinerlei Reim auf dessen Ursache machen konnte, und den Fehler erst entdeckte, als ich gedankenverloren die einzelnen Stromkabel befühlte. Eines davon war auffällig warm. Ich folgte der Spur und entdeckte die Störungsursache in einem falsch angebrachten Stecker am Diskettenlaufwerk. Das war es also, ein Fehler der Marke "kleine Ursache, große Wirkung". Da keinerlei Beschädigung entstanden war reichte ein einfaches Umstöpseln um ihn vergessen zu machen.

Da ich Umschüler war wurde meine Prüfung vorgezogen, sollte schon am Ende des zweiten Arbeitsjahres sein, zuerst eine schriftliche und dann eine praktische. Letztere musste ein selbstgewähltes Projekt enthalten, das zum Abschluss als eine Präsentation einer Bewertungskommission vorgeführt werden sollte. Wegen keiner der beiden Teilprüfungen umtrieben mich besondere Befürchtungen. Bei der theoretischen Prüfung sollte der Benotungsschwerpunkt auf den fachlichen Themen liegen und hierbei war ich gut (Computer- und Netzwerktechnik) bis ausreichend (Anwendungsentwicklung). Meine schwächeren Fächer wie Deutsch, Englisch oder BWL sollten zum Glück nur geringfügig bewertet werden. Bei der praktischen Prüfung wurde mehr Wert auf das Fachliche gelegt, bzw. auf die unterschiedliche berufliche Praxis der einzelnen Schüler. Ich selbst wollte mich der neuen Software Vmware  widmen und zeigen wie man diese gewinnbringend in der täglichen Arbeit in einem Dienstleistungsbetrieb verwenden konnte.

Insgesamt konnte ich zuversichtlich in die Zukunft blicken, denn mein Chef hatte mir frühzeitig mitgeteilt mich übernehmen zu wollen (außer dem Seiteneinsteiger waren bisher nur personalkostengünstige Auszubildende, Umschüler und Praktikanten beschäftigt worden. Ich wäre der erste gewesen der nach seine Ausbildung zu vollem Lohn dort hätte weiter arbeiten können) und auch den beiden Abschlussprüfungen sah ich ohne sonderliche Befürchtungen entgegen.


Physiologischer Bluescreen

Leider spielte mir das Schicksal einen gewaltigen Streich und ich konnte nie eine dieser Prüfungen machen und mein berufliches Ziel erreichen. Im Herbst 2002 brach ich mir die rechte Hand, mein rechter Arm kam in Gips. Mehrmals hintereinander wurde ich für einige Wochen krankgeschrieben und musste den Gips insgesamt sieben Wochen tragen. Die theoretische Prüfung wurde in dieser Zeit zweimal verschoben und ich suchte sogar mit Gipsarm meinen Arbeitsplatz auf um einhändig dringend nötige Vorbereitungen für die praktische Prüfung tätigen zu können.

Als der Gips endlich ab war erkrankte ich an Grippe und hätte deswegen eigentlich einen Arzt aufsuchen müssen, wäre aber sehr wahrscheinlich wieder arbeitsunfähig geschrieben geworden. Das hätte mir überhaupt nicht in den Kram gepasst, ich wollte endlich die beiden Prüfungen machen. Also beschloss ich die entstandene Grippe wie mehrere dutzend Mal zuvor ohne Arztbesuch zu überstehen, ein entscheidender Fehler in meinem Handeln.  Jedenfalls konnte sie sich unkontrolliert ausbreiten und auf die Nebenhöhlen übergreifen. Ich weiß nicht, ob nun mein Immunsystem durch die Erkrankung entscheidend geschwächt war oder – wie ich im Internet las – jeder Mensch in den Nebenhöhlen inaktive Meningitis-Erreger besitzt die erst bei einer Entzündung gefährlich werden können. Auf alle Fälle schlug die Grippe von mir unbemerkt in eine bakterielle Meningitis um. Aber es kam noch schlimmer. Nur in seltenen Fällen löst eine Meningitis eine Hirnblutung aus, leider war ich so ein "seltener" Fall. Ich wurde zuerst tot geschrieben (ich war aber nur ein bisschen tot), lag dann sechs Tage im Koma und wurde vier Wochen lang künstlich beatmet. Als ich nach vier Wochen aufwachte, konnte ich nicht mehr hören und die Muskeln einer Gesichtshälfte waren gelähmt (Zudem stellte sich später bei einem ersten Aufstehen sofort heraus, dass Gehen wegen extrem starker Gleichgewichtsstörungen auch nicht mehr funktionierte). Dieses Erwachen war nicht gerade sehr prickelnd, ich würde sagen, es war das ätzendste Erwachen meines Lebens.

tippenNach einer Verlegung in ein anderes Krankenhaus einige Wochen später erwartete mich die nächste Überraschung. Als ich dort zum ersten Mal an einem Computer saß wollte ich wie gewohnt etwas schreiben, aber auf dem Bildschirm erschien nur unleserlicher Buchstabensalat. Offenbar war meine Feinmotorik auch beschädigt, waren alle nach über zwanzigjähriger Übung im Gehirn gespeicherten Informationen über Muskelbewegungen beim Tippen unbrauchbar geworden, denn sie basierten alle auf einer gesunden Feinmotorik und da es diese Grundlage nicht mehr gab waren sie nun falsch und sorgten für Fehler.

Neustart nach Herunterfahren

Als ich nach langem Krankenhausaufenthalt im Frühling 2003 endlich wieder nach Hause kam war für mich als alleinlebender Mensch der nun noch kaum laufen oder hören konnte, ich zudem keine Familie habe oder damals auch kein Handy besaß, die Bedeutung von Computern für mein zukünftiges Leben klar: dieses Gerät war eine der wenigen Kommunikationsmöglichkeiten die mir noch zur Verfügung standen. Außerdem musste mindestens ein Computer immer mit dem Internet verbunden sein, da ohne Telefonieren das Internet die einzige Möglichkeit ist schnell zu Informationen zu kommen. Meine restlichen Ersparnisse verwendete ich um mir einen zweiten Computer nebst Drucker zu kaufen, und da ich noch den alten Pentium-Rechner hatte wurde dieser auch aktiviert und zum Einsatz gebracht. Ich verband alle drei Rechner per Netzkabel und meinen Hauptrechner ebenfalls per Kabel mit dem Internet, schloss einen Vertrag über eine DSL-Flatrate ab und konnte endlich endlos surfen.

Zuerst machte ich am Computer alles zu dem mir früher als beruflich tätiger Mensch die Zeit gefehlt hatte, testete per LAN mögliche Fernsteuerungsarten, experimentiere mit virtuellen Computern und Emulatoren. (Ein Logopäde war damals sehr überrascht, als ich scheinbar plötzlich einen Macintosh-Rechner hatte, war es doch in der Woche vorher noch ein stinknormaler Windows-PC gewesen.) Außerdem erwarb ich beim Freemail-Anbieter GMX einen Promail-Account, da es als Prämie eine über USB anschließbare Armbanduhr gab die über eine interne Speichermöglichkeit verfügte. Speichermedien per USB gab es noch kaum, externe Festplatten waren teuer und die heute weit verbreiteten USB-Sticks kamen erst später auf den Markt. Um einen Rechner auch im Falle eines Totalausfalls aller Laufwerke bedienen zu können kopierte ich eine Boot-Diskette auf das kleine 32 MB-Speichermodul, machte die Uhr bootfähig und besaß nun eine Boot-Uhr um Computer in Notfällen von dieser starten zu können.

virusDa ich anfangs bestrebt war die Prüfung nachzuholen (Klappte aber nicht. Die IHK bestand 2004 darauf, dass ich erst einen neuen Arbeitgeber finden müsste. In der Praxis war diese Vorgehensweise natürlich illusionär. Vorschriftenfixierte Bürokraten sind halt oft mental so flexibel wie Eisenstangen, da darf man sich über solche Ratschläge nicht wundern) las ich viel Fachliteratur und folgte dann einem Hinweis in der Computerzeitschrift c´t, schaute mir den 2003 aktiven Computerwurm "Msblast" in einem Hexadezimaleditor an. Wie dort gesagt war im Quelltext wirklich eine Hommage an Bill Gates verborgen. Das fand ich so lustig, dass ich direkt einen Screenshot des Anblicks speicherte. Falls ihr ihn sehen wollt.
Außerdem kam ich auf die Idee die Nieten von meiner Lederjacke abzumachen und stattdessen an meinem Hauptrechner zu befestigen. Bereits während der Umschulung hatte ich das Gehäuse schwarz angesprüht und mit "Quakearena"-Logo versehen. In Verbindung mit den Nieten sah es wirklich sehr cool aus, unterschied sich der Rechner visuell deutlich von "normalen" PCs. Dieser Schritt fiel mir leicht, denn die Lederjacke hatte ausgedient und ich würde sie nie wieder tragen. Eine zukünftige Kombination Lederjacke/Rollator kam für mich nicht in Frage.

Natürlich wollte ich wieder so schnell wie früher, also mit zehn Fingern und blind, an der Tastatur schreiben können. Auch hierzu diente mir der Computer. Durch die Übungen mit einer Tippsoftware lernte ich alles neu, kam aber bei etwa einem Drittel meiner verlorenen Fähigkeiten (circa 130 Anschläge die Minute, halbblind statt blind, d.h. ich muss wegen der vielen Tippfehler auf den Monitor schauen) trotz täglichen Üben nicht mehr weiter. Aber das reichte mir. Lieber nur ein Drittel von etwas als gar nichts.

Keinerlei Möglichkeiten einer Verbesserung sah ich allerdings bei meinem Lieblingsspiel "Quakearena". In den ersten Monaten nach meiner Erkrankung versuchte ich hierin oft Ablenkung zu finden, stellte aber schnell fest, dass es keinen Spaß mehr machte. Viel zu oft machte ich falsche und ungenaue Bewegungen die für einen raschen Tod meiner Spielfigur sorgten und ich so keinerlei Chance mehr hatte. Dies lag ebenso an der geschädigten Feinmotorik, denn nur mit funktionierenden Fähigkeiten kann man schnelle und genaue Bewegungen machen, ist man nicht ständig unterlegen. Andere Computerspiele als Alternative kamen nicht in Betracht, denn "Geräusche hören können" ist bei diesen von tragender Bedeutung, und wenn diese Fähigkeit fehlt kommt man oft nicht über die ersten Spielszenen hinaus.

labernIn den ersten zwei Jahren nach meiner Erkrankung machte mir die ständige Geldnot sehr zu schaffen. Neben einer geringen Rente (Labermeia: Kein Wunder. Wenn man mit 39 Rentner wird sind keine monatlichen Riesenbeträge zu erwarten) stand mir nur ein für knapp dreieinhalb wöchentliche Einkäufe reichendes Wohngeld zur Verfügung. Da allerdings oft irgendein Computerteil kaputt ging oder ein neues gekauft werden musste brauchte ich zusätzliches Geld für neue Hardware. Dies konnte ich mir mehrmals beschaffen indem ein Freund von mir einige meiner alten Punksingles bei eBay versteigerte (darunter waren richtige Raritäten wie die erste Slime-EP und eine Misfits-Single). Es war zwar ein komisches Gefühl diese mir im Lauf der Jahrzehnte ans Herz gewachsenen Platten zu verkaufen, aber schließlich machte ich es doch, weil ich sie ja nie wieder hören konnte, sie also unnütz für mich waren. Mit einer zum Beispiel zusätzlichen Festplatte konnte ich im Hier und Jetzt aber wirklich etwas anfangen.

Da mich außerdem der Wunsch endlich auf Windows verzichten zu können und stattdessen Linux zu verwenden umtrieb, experimentierte ich mit diesem Betriebssystem herum, las ein dickes Linuxbuch, scheiterte aber immer wieder an einer fehlenden Netzwerkeinbindung. Irgendetwas machte ich wohl immer wieder falsch. (Vielleicht klappt das ja auch erst wenn man mehrere Linuxbücher gelesen hat.) Schließlich gelang es mir doch, aber schon ein Jahr später hatte ich vergessen wie ich dies genau gemacht hatte und das alte Problem entstand wieder, so dass ich irgendwann keine Lust mehr hatte mich mit Linux zu beschäftigen. Aber seitdem ich WLAN habe und mehrere USB-Sticks besitze ist dieses Problem sowieso nicht mehr von Bedeutung.

Als ich 2005 statt ein wenig Wohngeld einen deutlich höheren Grundsicherungsbetrag bekam besserte sich langsam meine finanzielle Lage. Ich hatte öfter Geld für neue Hardware übrig und schon bald enthielten die Gehäuse meiner beiden Computer keinerlei Originalteile mehr. Obwohl das Eindrehen von Schrauben durch die Kombination defekte Feinmotorik + beeinträchtigter Abstandssinn (letzterer gehört zum Gleichgewicht) zu zeitraubenden und nervigen Aufgaben wurde, schaffte ich es alle im Laufe der Jahre auftretenden Störungen zu beseitigen. Eine davon ist mir besonders in Erinnerung geblieben, denn sie manifestierte sich in einer Vielzahl von unterschiedlichen und in keinerlei Zusammenhang zu bringenden Fehlermeldungen, eine Wirkung die in der Regel auf einen defekten Arbeitsspeicher rückschließen lässt. Daran lag es aber nicht, denn selbst mit korrekt funktionierenden Speicherriegeln zeigte sich dieses babylonische Meldungswirrwarr. Nach einiger Sucherei fand ich den Fehler, einer der mir sogar während meiner beruflichen Tätigkeit nie begegnet war. Vom DIE  des Prozessors war ein winzig kleines, nur einen Teil eines Streichholzkopfes großes Stück abgeplatzt, was die hartnäckigen Datenfehler erklärte. Das ziemlich rasche Finden der Ursache freute mich. Man lernt halt nie aus.

Es gelang mir immer ein neues Computerteil in einem bestehenden System "zum Laufen zu bringen", obwohl mir die Wissenerlangungsmöglichkeiten  der Arbeit im Computerladen fehlten. Trotzdem sah ich meinen momentanen Wissenstand als größer als den am Ende meiner Umschulung an, freute ich mich über die Tatsache mehrere Jahre lang die selbstgestellte Aufgabe der ständigen Funktionsfähigkeit einiger vernetzter Rechner erfolgreich bewältigt zu haben.

Anfang 2012 ergab sich endlich die Möglichkeit zu einem Umzug in eine größere und behindertengerecht ausgestattete Wohnung. Als die damit verbundenen Arbeiten erledigt waren, nutzte ich die Gelegenheit zu einem Neuanfang, stellte meinen Hauptrechner auf das neue Windows 7 um, ersetzte das bisher genutzte Kabelnetzwerk durch ein auf Funktechnik basierendes WLAN. Außerdem beschloss ich eine eigene Website zu erstellen um meine Texte anderen Menschen zum Lesen anbieten zu können. Es überraschte mich nicht, dass mein vor zehn Jahren in der Berufsschule erlangtes Wissen über HTML  höchstens noch die Grundlagen dieser Seitenbeschreibungssprache bot, sehr viel Neues seitdem hinzukommen ist. Die Websitegestaltung ist viel komplexer geworden, von PHP , Javascript , Datenbanken und ähnlichem war damals noch nie die Rede gewesen. Allerdings hatten wir uns damals im Rahmen des Schulunterrichtes im Fach Anwendungsentwicklung nur genau eine Doppelstunde mit HTML befasst, den Rest der Zeit in C++  programmiert, und diese Sprache ist ähnlich abstrakt und mathematisch wie Java. Da ich schon damals immense Schwierigkeiten mit C++ hatte, versuchte ich es mit Java erst gar nicht, zu ähnlich sind sich beide. Aber HTML und CSS  sind deutlich leichter zu lernen und nach einigen Monaten des Probierens stellte ich meine erste Seite ins Netz. Allerdings war jene sehr rudimentär, enthielt kaum Text, was mir als alten Fanzineschreiber recht ungewöhnlich erschein, war doch früher stets ein gewisses Maß an Selbstdarstellung Normalität gewesen. Jenes möchte ich ändern, die alte Seite durch eine neue ersetzen, und wenn ihr das hier liest ist es mir gelungen.


kaffee am rechnerÜberrascht war ich allerdings, als ich in einem recht neuen Buch über Computertrends las, dass die Virtualisierung von Betriebssystemen und ganzen Computern das nächste große "Ding" seien. So wie ich in HTML wissenstechnisch hinterherhinkte, war ich bereits vor über zehn Jahren meiner Zeit bei der Nutzung von virtuellen Maschinen (physikalisch nicht vorhandene und nur von einer Software erstellte Computer, ganz normal mit Betriebssystem und Programmen) etwas voraus gewesen, denn seitdem setze ich derartige Computer routiniert ein und profitiere von den Vorteilen dieser Technik. Zum Beispiel öffne ich alle suspekten Dateien und Mailanhänge in einer virtuellen Maschine mit Internetzugang. Solche Dateien können dann ruhig mit irgendeiner Schadsoftware verseucht sein, ich spare mir eine zeitraubende Virensuche und ersetze die Datei mit der virtuellen Festplatte einfach mit einer vorher erstellten Kopie derselben, schicke so irgendeinen Virus oder Trojaner ins Datennirvana. Im Moment besitze ich vier hardwarebasierte Computer, einen Arbeits-, einen Back Up-Rechner und zwei weitere. Der optisch eindrucksvollste davon ist ein Rechner, der mit Absicht ohne ein Gehäuse bleibt damit ich schnell und ohne zu Schrauben neue Ersatzteile auf ihre Funktion testen kann. Ein Photo von dem Teil habe ich auch.  Von dem zurückerhaltenen Geld der hinterlegten Kaution für die alte Wohnung verwirklichte ich mir den Wunsch auch einen passenden Computer im Schlafzimmer zu haben und erwarb die Bestandteile für einen HTPC.  Dies ist ein besonders kleiner, liegender Rechner, der oft in Wohnzimmern als Fernseher-Ersatz eingesetzt wird.

Abschließend sei zu sagen, dass ich zwar ein Smartphone und einen E-Book-Reader besitze und über die Anschaffung eines Tablet-PC nachdenke, aber mit Sicherheit werden normale PCs die von mir vorrangig benutzten Geräte bleiben. Leistung und Komfort bei der Bedienung spielen hierbei eine Nebenrolle, entscheidend ist, dass ich defekte oder nicht mehr benötigte Teile selbst ausbauen kann und es alle Ersatzteile im Computerhandel gibt, man ein solches Gerät nicht wegen irgendeines Defektes einschicken muss weil nur der Hersteller über Ersatzteile verfügt. Das ist für mich das Wichtigste.

 

Rainer Meyer - "The Meia"

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